2016 44. Römerberggespräche – Sehnsucht nach Grenzen


44. Römerberggespräche


Sehnsucht nach Grenzen


Identitätssuche in Zeiten des Populismus



In Europa wächst derzeit das Bestreben, das Eigene zu definieren und das heißt: sich abzugrenzen. Grenzzäune sind wieder an den Staatsgrenzen errichtet worden. Gesellschaftliche Gruppen stecken ihre Terrains und Claims auf der Suche nach sozialen, kulturellen und religiösen Eigenheiten immer entschiedener, nicht zuletzt aggressiver ab. Nachdem auch staatliche Obergrenzen für Flüchtlinge heftig diskutiert werden, steht die Frage im Raum, wo die inneren Grenzen der offenen Gesellschaft sind.

Die Diskussionen um Burka-Verbote, die Verweigerung von Handschlägen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen: All das zeigt, begleitet von öffentlicher Empörung, eine nervöse Verunsicherung über die eigene Identität. Was gehört noch unverzichtbar zum gesellschaftlichen, zum kulturellen und religiösen, nicht zuletzt zum nationalen Selbstverständnis? Wo liegt die Grenze, hinter der das Eigene sich auflöst und das Fremde beginnt? Worauf spekuliert ein völkisches Identitätskonzept, das populistische Parteien in ganz Europa derzeit so erfolgreich propagieren, in einer globalisierten Welt?

Die Römerberggespräche wollen in Erfahrung bringen, wie mit individuellen Verunsicherungen und einem allgemeinen Unbehagen umgegangen werden kann? Was sagen uns diese Identitätskonflikte über unsere Gesellschaft? Welche Formen der Identität gibt es in einer pluralistischen Gesellschaft? Und wie soll ein liberaler Rechtsstaat mit den Herausforderungen gelebter und beanspruchter Mannigfaltigkeit umgehen? Wieviel Vielfalt können wir ertragen, wieviel Einheit müssen wir fordern, und was darf an wechselseitiger Integration verlangt werden?

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EINTRITT FREI
SAMSTAG, 03. DEZEMBER 2016
IM SCHAUSPIEL FRANKFURT
MODERATION Alf Mentzer

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PROGRAMM

10:00 Uhr   Begrüßung

Eugenio Muñoz del Rio (Stadtrat)

10.15 Uhr   Martin Seel

Phantasma Leitkultur. Plurale Wertorientierungen und demokratische Rechtsordnung

11:15 Uhr   Philipp Blom

Wer gehört zu uns? Eine kleine Geschichte des Lebens mit Unterschiedlichkeit

12:15 Uhr   Tatjana Hörnle

Bekleidungsverbote und Zwang zum Händeschütteln – Die Grenzen staatlicher Gewalt

Mittagspause

14:00 Uhr   Marina Münkler

Markierungen von Fremdheit und Blockaden von Zugehörigkeit – Zu aktuellen Konstruktionen von Identität

15:00 Uhr   Identität: gegeben und erträumt

Katja Petrowskaja im Gespräch mit Alf Mentzer

16:00 Uhr   Leitkultur oder Multikultur – Von Sinn und Unsinn einer begrifflichen Frontstellung

Eine Diskussion mit Priya Basil und Bassam Tibi

17:00 Uhr   Claus Leggewie

Noch ein Abschied vom Proletariat. Warum sich ein stolzes Milieu von Le Pen, Trump und Petry kapern ließ


ENDE GEGEN 18:00 UHR | EINTRITT FREI

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REFERENTEN

RIYA BASIL / PHILLIP BLOM / TATJANA HÖRNLE / CLAUS LEGGEWIE / ALF MENTZER / MARINA MÜNKLER / KATJA PETROWSKAJA / MARTIN SEEL / BASSAM TIBI

Priya Basil

wurde in London geboren und wuchs in Kenia auf. Sie studierte Englische Literatur an der Universität von Bristol. Ihr Debütroman »Ishq and Mushq« erschien im Jahr 2007. »The Obscure Logic of the Heart« folgte drei Jahre später (dt. »Die Logik des Herzens«, 2012). In der Reihe Quick Reads erschien 2011 ihre Novelle »Strangers on the 16:02«. Ihre schriftstellerische Arbeit wurde für den Commonwealth Writers’ Prize, den Dylan Thomas Prize sowie den International IMPAC Dublin Literary Award nominiert. Basil hat Artikel und Essays für Lettre International, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, Die Zeit, Tagesspiegel, TAZ und The Guardian verfasst. Sie ist Mitbegründerin von Authors for Peace. Außerdem ist sie eine der sieben Co-AutorInnen des Aufrufs von Schriftstellern gegen Massenüberwachung von 2013. Zuletzt erschien auf Deutsch: Priya Basil und Chika Unigwe: Erzählte Wirklichkeiten: Tübinger Poetikdozentur 2014.
www.priyabasil.com

Philipp Blom

1970 in Hamburg geboren, studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Der promovierte Historiker lebte und arbeitete in London und Paris als Autor und Journalist, seit 2006 in Wien. International bekannt wurde er mit seinen mehrfach ausgezeichneten Sachbüchern über die Aufklärung, den Ersten Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit. Daneben verfasste er mehrere Romane. Radiohörern ist Blom als Moderator der Ö1-Diskussionssendung „Von Tag zu Tag“ bekannt. Publikationen u.a.: Bei Sturm am Meer, Wien 2016; Die zerrissenen Jahre. 1918–1938, München 2014; Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, München 2011; Der taumelnde Kontinent. Europa 1900–1914, München 2009.

Tatjana Hörnle

Jahrgang 1963, seit 2009 Inhaberin des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafrechtsvergleichung und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Studium der Rechtswissenschaft in Tübingen 1982-1988 und Master-Studium Criminal Justice an der Rutgers University, New Jersey, USA, 1991-1993. 1988 Erstes, 1991 Zweites Juristisches Staatsexamen. 1995 Promotion an der Universität München; 2003 Habilitation an der Universität München. Forschungsschwerpunkte im Bereich Grundlagen des Strafrechts, Sexualstrafrecht, Strafrechtsvergleichung. Seit 2016 Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Publikationen u.a.: Tatproportionale Strafzumessung, 1999; Grob anstößiges Verhalten. Strafrechtlicher Schutz von Moral, Gefühlen und Tabus, 2005; Straftheorien, 2011; Kriminalstrafe ohne Schuldvorwurf. Ein Plädoyer für Änderungen in der strafrechtlichen Verbrechenslehre, 2013; Criminal Law: A Comparative Approach (zusammen mit Markus Dubber), 2014; Kultur, Religion, Strafrecht – neue Herausforderungen in einer pluralistischen Gesellschaft, Gutachten für den 70. Deutschen Juristentag, 2014; The Oxford Handbook of Criminal Law (hrsg. von Markus Dubber/Tatjana Hörnle), 2014.

Claus Leggewie

geboren 1950, ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, Ko-Direktor des Center for Global Cooperation Research in Duisburg und Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen. Er studierte Soziologie und Geschichte in Köln und Paris. 1995-1997 hatte er den Max Weber Chair an der New York University inne und hatte Gastprofessuren und Fellowships am Wissenschaftskolleg zu Berlin, an der Université Paris-Nanterre und am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Er schreibt für überregionale Zeitungen und Zeitschriften und ist Mitherausgeber der Zeitschriften Blätter und Transit.
Buchpublikationen u.a.: Politische Zeiten. Beobachtungen von der Seitenlinie, München 2015, Die Konsultative. Mehr Demokratie durch Bürgerbeteiligung, Berlin 2016 und Anti-Europäer. Breivik, Dugin, Al-Suri & Co, Berlin 2016

Alf Mentzer

Geboren 1966 in Rendsburg. Studium der Anglistik, Amerikanistik, Philosophie und Geschichte in Bonn, Harvard und Frankfurt/Main. Seit 2013 Literaturredakteur und Ressortleiter hr2-Tagesprogramm. Veröffentlichungen u.a.: Die Blindheit der Texte. Studien zur literarischen Raumerfahrung, Heidelberg 2001. (Mit Hans Sarkowicz:) Schriftsteller im Nationalsozialismus, Berlin 2011.

Marina Münkler

Geboren 1960, studierte von 1978 bis 1984 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst freiberuflich als Übersetzerin und Literaturkritikerin. Promotion 1997 an der Humboldt-Universität zu Berlin; Habilitation 2007. Nach ihrer Dissertation war sie an den der Humboldt-Universität von 2000-2007 als wissenschaftliche Assistentin, von WiSe 2007-Sose 2009 als Vertretungsprofessorin tätig. Im Herbstsemester 2009 hatte sie an der Universität Zürich eine Gastprofessur inne, seit 2010 ist sie Professorin für mittelalterliche und frühneuzeitliche deutsche Literatur und Kultur an der Technischen Universität Dresden. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Erfahrung des Fremden im Mittelalter, Phänomene von Interkulturalität, die Faustbücher des 16.-18. Jahrhunderts sowie Narrative von Risiko. In ihrem Ende August 2016 erschienenen Buch „Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft“ (gemeinsam mit Herfried Münkler), hat sie die Voraussetzungen gelingender Integration im Kontext der Auseinandersetzung um die „Flüchtlingskrise“ beschrieben.

Katja Petrowskaja

wuchs in Kiew auf. Sie studierte Literaturwissenschaft und Slawistik an der Universität Tartu (Estland). 1994/95 – Aufenthaltsstipendien in der USA und 1998 Promotion an der Russischen Staatlichen Humanitären Universität (Moskau). 1999 zog sie nach Berlin und arbeitete für verschiedene russische und deutsche Medien (u.a. Radio „Liberty“ und „Deutsche Welle“, – russische Redaktion, „Neuen Zürcher Zeitung und FAS). Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) schrieb sie 2011-2013 die Kolumne „Die west-östliche Diva“ und ab 2015 die Kolumne „Bild der Woche“ über Photographie. Das Buch-Debut „Vielleicht Esther“ wurde mit Bachmann-Preis (2013) ausgezeichnet.

Martin Seel

Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M. und Principal Investigator im dortigen Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Forschungsschwerpunkte: Ethik und Ästhetik, Erkenntnistheorie, Philosophie des Geistes, Sprachphilosophie. Buchveröffentlichungen u.a.: Versuch über die Form des Glücks. Studien zur Ethik, Frankfurt/M. 1995; Vom Handwerk der Philosophie. 44 Kolumnen, München 2001; Ästhetik des Erscheinens, München 2000; Sich bestimmen lassen. Studien zur theoretischen und praktischen Philosophie, Frankfurt/M. 2002; Adornos Philosophie der Kontemplation, Frankfurt/M. 2004; Theorien, Frankfurt/M. 2009; 111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue, Frankfurt/M. 2011; Die Künste des Kinos, Frankfurt/M. 2013; Aktive Passivität. Über den Spielraum des Denkens, Handelns und anderer Künste, Frankfurt/M. 2014.

Bassam Tibi

wurde 1944 in Damaskus geboren. In Damaskus erhielt er auch das Abitur (das franz. Baccalauréat). 1962 kam er nach Frankfurt und studierte dort Sozialwissenschaften, Philosophie und Geschichte u.a. bei Horkheimer, Adorno, Habermas und Fetscher. Seine Promotion erlangte er 1971 in Frankfurt, die Habilitation in Hamburg. Von 1970 und 2010 folgte eine internationale, auf allen fünf Kontinenten stattgefundene akademische Laufbahn. Tibi gilt als Begründer der Wissenschaft der historisch-sozialwissenschaftlichen Islamologie als Analyse des postbipolaren Konflikts. Nach 37 Jahren der Lehre als Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen ist er seit 2009 Emeritus. Zusätzlich war er von 2004 bis 2010 A.D. White Professor an der Cornell University, USA, neben seiner Tätigkeit als Senior Research Fellow an der Yale University, USA (2008/09). Zuvor wirkte er von 1982 bis 2000 in verschiedenen Funktionen an der Harvard University. Seinen Hauptwohnsitz hat er nach der Emeritierung in Deutschland behalten.

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